Erwerbsminderungsrente - So überstehst Du den Gutachter!

01. Dezember 2018

Hast Du schon Post bekommen von der Deutschen Rentenversicherung? Wenn Du die Erwerbsminderungsrente beantragt und alle nötigen Unterlagen eingereicht hast, geht’s weiter mit dem Rentenverfahren - wahrscheinlich damit: Das Gutachten!

Ok, erstmal kurz durchatmen. Vielleicht löst allein schon das Wort Gutachter Stress bei Dir aus. Ja, das kann ich verstehen. Mit ME/CFS sammelst Du oft schlimme, teils traumatische Erlebnisse bei Ärzten und Gutachtern – deshalb war auch ich damals immer nervös, wenn ein neuer Termin anstand. Die gute Nachricht: Es kann auch gut laufen. Das Gutachten bei der Rentenversicherung ist so ein Beispiel dafür. Aber jetzt mal von vorne die wichtigsten Fragen:

Wie bereite ich mich aufs Gutachten vor?

Im Vorfeld würde ich Dir raten, kurze Notizen zu machen - zu Symptomen, Gesundheitszustand und Arbeitssituation. So einen Stichwortzettel würde ich grundsätzlich auch immer zum Arzt mitnehmen. Das gibt Dir zum einen etwas Sicherheit und zum anderen vergisst Du dann nichts. Natürlich kannst Du auch nochmal einen Info-Artikel der Charité Berlin zu ME/CFS einpacken. Den solltest Du im besten Fall aber auch schon bei der Antragstellung mit eingereicht haben.

Wahrscheinlich wirst Du allein schon aus gesundheitlichen Gründen nicht allein zum Gutachten anreisen (können). Ich würde auf jeden Fall eine Begleitperson zum Gutachten mitnehmen, auch wenn die Person bei der Untersuchung selbst draußen wartet. Du bist an dem Tag bestimmt aufgeregt und körperlich deshalb in einem wohl noch schlechteren Zustand als sonst. So war es bei mir zumindest.

Vor dem Gutachten-Termin extra crashen?

Das "zu gesund aussehen" ist natürlich oft ein Problem bei ME/CFS. Und deshalb hatte ich mir im Vorfeld wirklich überlegt, ob ich die Tage vor dem Gutachten einfach ein bisschen zu viel mache und mit einem mega Crash zum Untersuchungstermin gehe – einfach, damit ich glaubwürdiger rüberkomme. Ich habe mich dann allerdings doch dagegen entschieden. Denn: Zum einen sieht man mir auch bei einem Crash von außen nicht unbedingt an, wie schlecht es mir wirklich geht (außer, dass ich vielleicht blass bin und müde aussehe), und zum anderen bin ich in so einem Zustand dann oft überfordert und nicht mehr in der Lage konzentriert zuzuhören und Fragen zu beantworten. Ich habe mich die Tage vorher also nicht anders verhalten als sonst auch. Und das würde ich auch Dir raten.

Und noch ein letzter Tipp für die Vorbereitung: Nimm Dir etwas zu Essen und zu Trinken mit. Beim ersten Mal musste ich längere Zeit warten. Dann ist es gut, wenn Du etwas Power nachladen kannst.

Der Gutachtertermin - wie lief es bei mir ab?

Begutachtet wurde ich von einer Ärztin für Neurologie/Psychiatrie und einem Internisten. Kurze Info für Dich:

Falls Du mit der alleinigen Diagnose ME/CFS fürs Gutachten zu einem Psychiater geschickt wirst – egal, ob von Rentenversicherung, Krankenkasse oder Versorgungsamt - dann musst Du das nicht einfach so hinnehmen. Du hast eine neurologische Erkrankung (G 93.3) und damit auch das Recht, von einem Neurologen begutachtet zu werden.

Bei meinen zwei Gutachten wurde ich sehr überrascht. Es ging alles ratzfatz. Bei jedem der Ärzte war ich nach circa 20 Minuten fertig und meinen Stichwortzettel habe ich gar nicht gebraucht. Viele der gestellten Fragen musste ich auch einfach nur mit Ja oder Nein beantworten. Und die wichtigsten Arztbriefe hatten die Ärzte ja bereits auch schon vorliegen.

Der Internist hat bei seinen Untersuchungen natürlich keine Auffälligkeiten gefunden - was ja ganz typisch für ME/CFS ist. Ich wurde unter anderem mal wieder gewogen, gemessen und kurz durchgecheckt. Also: Blutdruck, Puls und Co - das Übliche halt. Laut seines Gutachtens war ich nicht erwerbsgemindert.

Die Neurologin hatte sich bei mir vor allem an bereits vorliegenden Gutachten und Arztbriefen orientiert. Anhand ihrer Fragen und auch anhand des erstellten Gutachtens hatte sich schon gezeigt, dass sie mit ME/CFS eher weniger vertraut ist. Allerdings hatte sie trotzdem Verständnis und hat die Erwerbsminderungsrente befürwortet – vor allem auch, weil ich authentisch war. Das ist wirklich extrem wichtig:

Sei authentisch, über- und untertreibe nicht und spiele nicht den sterbenden Schwan. Sei einfach so, wie Du bist.

Hier mal ein Auszug aus meinem Gutachten:

Aus nervenärztlicher Sicht werden die Angaben von Frau Herr einzig, allerdings nachhaltig dadurch unterstützt, dass sie ein Jahr ihres Lebens für Diagnostik verwendet hat, dass sie überall konsequent das Gleiche erzählt und dass es keinen Hinweis dafür gibt, dass sie irgendeinen Krankheitsgewinn hätte.

Ich halte ihre Defizite für nachvollziehbar, das Krankheitsbild ist beschrieben. Sie kann derzeit nicht am Erwerbsleben teilnehmen, ihr Leistungsvermögen ist seit der Antragstellung für ein Jahr auf unter dreistündig abgesunken. Die Nachuntersuchung ist wegen der unklaren Prognose gerechtfertigt, eine Reha-Maßnahme nicht geeignet, um die Situation zu bessern.

Nach dem Gutachten hat es bei mir nur eine Woche gedauert, dann hatte ich meinen Rentnerausweis im Briefkasten. Die Rente, befristet für ein Jahr - das war vielleicht erleichternd! Wenn es so läuft, super! Falls das Gutachten bei Dir nicht gut ausfallen sollte und Dein Antrag auf Erwerbsminderungsrente erst einmal abgelehnt wird - keine Panik, auch dann ist noch nichts verloren. Gegen den Negativ-Bescheid kannst Du Widerspruch einlegen. Und genau das würde ich dann auch mit Hilfe des VdK oder eines Anwalts tun.

Versuche Dich auf jeden Fall nicht schon vor dem Gutachter-Termin verrückt zu machen. Es bringt nichts. Es kommt, wie es kommt. Und manchmal eben aber auch besser als gedacht. Ich schicke Dir auf jeden Fall vieeeel Kathi-Durchhalte-Power! Lass Dich nicht unterkriegen und:

Keep Going!

Deine Kathi =)

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