Rente - Was Du bei der Beantragung mit ME/CFS beachten solltest

15. November 2018

"Vergiss es! Mit der Diagnose CFS bekommst Du keine Rente. Vor allem nicht in Deinem Alter."

Das war damals eine Reaktion in der Selbsthilfegruppe, als ich das Thema Rente angesprochen habe. Was ich danach war? Demotiviert, verzweifelt und vor allem wütend. Ich konnte es nicht nachvollziehen, dass sich Betroffene gegenseitig runterziehen, anstatt sich zu unterstützen. Aber die Wut war auch gut, denn ich dachte mir: Ok, und jetzt erst recht! Und ehrlich gesagt, hatte ich in meinem Gesundheitszustand ja auch gar keine andere Wahl, als die Rente zu beantragen.

Kurz vorweg: Ja, ich habe eine volle Erwerbsminderungsrente bekommen, einen Schwerbehindertenausweis und meine Berufsunfähigkeitsrente – und das alles NUR mit der Diagnose ME/CFS.

Zugegeben: Es ist natürlich nicht ganz einfach, weil ME/CFS in Deutschland einfach noch zu unbekannt ist. Aber: Es geht! Die Krankheit wird immer öfter als schwere körperliche Erkrankung anerkannt - und das vor allem auch, weil immer mehr Betroffene von ihrem Recht gebrauch machen und die Rente zur Not auch vor Gericht einklagen. Ich weiß, das ist das Allerletzte, was Du bei dieser Erkrankung noch brauchst. Aber, ganz ehrlich: Hast Du eine Wahl, wenn Du nicht mehr arbeiten kannst? Nein! Es geht um Deine Existenz und Dein Leben, also: Go for it!

Zuerst mal ein kurzer Einführungskurs:

Was ist denn eine Erwerbsminderungsrente? Steht mir sowas zu? Und brauche ich sowas überhaupt?

Die Erwerbsminderungsrente ist - wie der Name schon sagt - eine staatliche Rente, die Du bekommst, wenn Du aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kannst. Und das ist bei ME/CFS leider sehr oft der Fall.

Eine volle Erwerbsminderungsrente bekommst Du, wenn Du täglich weniger als drei Stunden arbeiten gehen kannst.

Eine teilweise Erwerbsminderungsrente bekommst Du, wenn Du täglich zwischen drei und sechs Stunden arbeiten gehen kannst.

Ansonsten gibt es folgende versicherungsrechtliche Voraussetzungen:

  1. Du musst mindestens fünf Jahre versichert sein
  2. In diesen fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung musst Du mindestens drei Jahre lang eingezahlt haben

Ob Du eine Rente brauchst, kann ich Dir natürlich nicht sagen. Das musst Du mit Deinem Arzt entscheiden.

Ich kann Dir nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Ich hätte die Rente von mir aus nie beantragt, weil das für mich - gerade in meinem Alter - eine völlig utopische Vorstellung war. Ich habe mir immer wieder gedacht: So ein Quatsch, in ein paar Wochen geht´s mir bestimmt wieder gut. Ich wollte es auch nicht wirklich wahrhaben, dass ich nicht mehr arbeiten kann – und habe mich deshalb oft auch für gesünder gehalten, als ich es tatsächlich war.

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass mir damals ein Anwalt dringend dazu geraten hat, die Rente zu beantragen. Und das kann ich auch Dir nur raten:

Wenn Du nicht mehr arbeiten kannst und Dir Eine Erwerbsminderungsrente zusteht, dann beantrage sie!

Und das nicht erst kurz bevor Dein Krankengeld ausläuft, sondern schon etwa ein halbes Jahr vorher. Das Renten-Verfahren kann sich nämlich lange hinziehen und dann läuft Dein Krankengeld vielleicht schon aus, bevor Deine Rente bewilligt wurde. Und dann entsteht, wie es so schön heißt: eine "Versorgungslücke". Deine Gesundheit und Deine Nerven würden auf dieses Erlebnis gerne verzichten. Falls Du die Rente dann vielleicht doch gar nicht mehr brauchen solltest – supi, umso besser.

So, und jetzt Ärmel hochkrempeln! Es geht los! Wie beantrage ich eine Rente?

Mir war das mit den ganzen Formularen echt zu kompliziert. Deshalb habe ich mich beim VdK angemeldet, einem Sozialverband. Dort habe ich einen Termin mit einem Mitarbeiter ausgemacht, der dann zusammen mit mir die Erwerbsminderungsrente beantragt hat. Das ging echt ruck zuck. Natürlich muss Du aber ein bisschen was vorbereiten:

1. Schicke auf jeden Fall Info-Artikel zu ME/CFS mit!

Es ist sehr wahrscheinlich, dass weder die Mitarbeiter des VdK noch die der Deutschen Rentenversicherung ME/CFS kennen. Deshalb: Lege zum Antrag Info-Artikel zur Krankheit bei, zum Beispiel diesen und diesen von der Charité Berlin.

2. Du brauchst entsprechende Arztbriefe, die zeigen, dass Du gesundheitlich stark eingeschränkt bist.

Und da habe ich gelernt: Je angesehener der Arzt oder das Institut, desto besser. Ein Arztbrief einer Uniklinik wird oft "höher gewichtet" als ein Arztbrief eines Facharztes – auch wenn das Gleiche drinsteht. Manchmal kam es mir vor wie beim Kartenspielen, wenn der Ober den Unter sticht: Uniklinik sticht Facharzt. Facharzt sticht Hausarzt. Und die Charité Berlin ist sozusagen der Supertrumpf in diesem Spiel! Das klingt alles etwas verrückt, aber so habe ich in meinem Fall die Hierarchien in unserem Gesundheitssystem kennengelernt.

3. Erkläre, wie sehr Dich die Krankheit einschränkt.

Es kommt bei der Beantragung von Rente oder Schwerbehindertenausweis im Übrigen weniger auf die Diagnose an sich an, sondern viel mehr darauf, wie sehr Deine Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Um zu zeigen, wie begrenzt Dein Level mit ME/CFS ist, solltest Du entsprechende Listen erstellen.

1. Erstelle eine Liste zu den Auswirkungen der Krankheit auf Deine Arbeit und Deine privaten Aktivitäten:

Beschreibe zum Beispiel einen typischen Arbeitstag vor Deiner Erkrankung und dann einen mit ME/CFS. Genauso machst Du das auch für private Aktivitäten im Haushalt oder der Freizeit. Damit Du einen Anhaltspunkt hast, wie so etwas aussieht: Hier ist mal meine persönliche Aktivitäts-Liste, die ich bei Antrag-Stellungen genutzt habe. Diese Tabelle gibt natürlich meinen ganz persönlichen Einzelfall wieder und kann daher nicht direkt übernommen werden. Aber Du hast mal eine Orientierung, wie so etwas aussehen kann.

2. Erstelle eine Liste zu Deinen Symptomen:

Das ist nicht nur für Anträge, sondern auch für Arzt-Besuche ganz ratsam. Welche Symptome hast Du? Wann treten sie auf? Wie stark sind sie ausgeprägt? Was verbessert/verschlechtert die Symptomatik? Auch hier zur Orientierung meine persönliche Symptom-Liste.

3. Und weil es so viel Spaß macht (*Ironie off*) - Erstelle eine Liste zu Deinem Tagesablauf:

Auch der Tagesablauf lässt Rückschlüsse auf Deine Leistungsfähigkeit zu. Deshalb beschreibe kurz, wie ein schlechter, ein normaler und ein guter Tag bei Dir aussehen. Und auch hier als Anhaltspunkt: meine Tagesablauf-Liste.

Wie Du siehst: Durch ME/CFS bin ich zu einem echten Crack in Sachen Listen-Erstellen mutiert. Yeah! ;-) Und ja, vielleicht bist Du gerade total angenervt und kommst Dir vor wie im falschen Film, weil Du Dich fragst, warum Du Deine eh schon minimale Energie auch noch für bescheuertes Listen-Schreiben vergeuden sollst?! Ich kann es Dir leider nicht sagen. Lass mal kurz einen fetten Schrei los! AAHHHH!

Ja, für Deine Gesundheit ist dieser ganze Behördenkram natürlich alles andere als förderlich. Deshalb lasse Dich, wenn möglich, von Familie und Freunden unterstützen. Und denke dran: Du tust das für Dich, Dein Leben und auch für viele andere Betroffene, denen diese Tortur hoffentlich künftig mal erspart bleibt.

Für die Erstellung der Listen und die Beantragung der Rente kann ich Dir übrigens das Heft "Die Erwerbsminderungsrente – Informationen zum Rentenverfahren" von Tibor Jockusch empfehlen. Du kannst es beim Fatigatio kaufen. Es erklärt sehr genau, was Du bei der Beantragung mit ME/CFS beachten solltest und gibt Dir zum Beispiel auch Tipps für den Gutachter.

Das war es im Großen und Ganzen erst einmal. Jetzt heißt es: warten!

Bei mir hat sich die Deutsche Rentenversicherung nach Anträgen immer sehr zügig gemeldet und mich über die nächsten Schritte informiert. Wahrscheinlich wirst Du zum Gutachten eingeladen oder auch zu einer Reha aufgefordert. Ich drücke Dir auf jeden Fall beide Daumen, dass Du Deine Rente bekommst – und das möglichst stressfrei, ohne große Behördenkämpfe.

Keep Going!

Deine Kathi

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