Schmerzhaft, aber heilsam – Die Kraft der Veränderung

20. Januar 2020

Ich sitze gerade auf meinem Sofa und weine. Ich schaue auf die kahlen Wände vor mir. Es tut weh zu sehen, wie sich meine Wohnung nach und nach auflöst. Es tut weh loszulassen: geliebte Möbel, Bilder, gefühlt mein Leben. Zurück bleiben sehr viele Erinnerungen - an schwere Stunden mit Schmerzen und lähmender Erschöpfung und an wunderschöne mit so viel Leichtigkeit, Freude und Liebe. Erst vor knapp zwei Jahren habe ich alles komplett neu eingerichtet, genau so, wie ich es mag. Und es hat ewig gedauert.

Für zwei Quadratmeter Wand streichen habe ich damals etwa drei Tage gebraucht. Und trotzdem habe ich mich gefreut, denn zu Beginn meiner Erkrankung hätte ich die Farbrolle an einigen Tagen nicht mal halten können, geschweige denn den Farbeimer aufgebracht. Jetzt also heißt es Abschied nehmen von einem Ort, den ich so sehr liebe. Ausziehen, um die Vergangenheit hinter mir zu lassen und neu anzufangen. Und: um vollständig gesund zu werden.

Vielleicht fragst Du Dich gerade was bei mir passiert ist?

In diesem Artikel möchte ich Dir mal keine Tipps geben, sondern einfach aus meinem Leben erzählen und meine Gedanken mit Dir teilen:

Im letzten halben Jahr bin ich durch einige der dunkelsten Tage meines Lebens gegangen. Und manchmal hätte ich am liebsten das Handtuch geschmissen. Gern hätte ich mich wie früher abgelenkt mit Arbeit, Freunde treffen oder Serien schauen. Aber diesmal ging es nicht. Diesmal lief es anders. Ich habe keine Blogartikel geschrieben, habe Medienanfragen und Termine abgesagt und einfach mal gefühlt "nichts" getan. Ich habe die meiste Zeit mit mir allein verbracht, mich in die Weinberge gesetzt, gelesen, den Wolken beim Ziehen zugeschaut oder meinen Emotionen freien Lauf gelassen und geweint. Überhaupt habe ich in den letzten Monaten so viel geweint wie zusammengenommen in den 31 Jahren zuvor nicht. Und es war befreiend.

Mein Blick ging immer wieder nach Innen - hin zu meinen Emotionen, Gedanken und vor allem auch meinen Bedürfnissen, anstatt wie so oft erst mal nach den Bedürfnissen der anderen zu schauen. Ich habe mich wieder mal gefragt, wer ich wirklich bin und was ich will im Leben? Was ist mein Sinn? Und ich habe mir diese eine Frage gestellt:

Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?

An meinem Badspiegel hängt ein Zettel, mit den zehn Dingen, die mir im Leben am Wichtigsten sind. Punkt 1 ist Gesundheit. Nach meiner Neuseelandreise vor drei Jahren habe ich mir das Versprechen gegeben, alles zu tun, was in meiner Macht steht, damit es mir besser geht. Meine Gesundheit und mich an erste Stelle zu setzen bedeutet, dass ich Dinge beibehalte, die mir gut tun. Es heißt umgekehrt aber auch, Dinge zu verändern, wenn sie mir nicht (mehr) gut tun.

Es fiel mir am Anfang schwer, die Ernährung umzustellen und Lebensmittel wegzulassen, die ich gerne esse, Schlafgewohnheiten und Tagesabläufe zu verändern. Richtig schmerzhaft waren die letzten Jahre jedoch die Momente, in denen ich erkennen musste, dass ich - so sehr ich es auch wollte und gehofft habe - meinen geliebten Beruf loslassen muss und meinen geliebten Sport. Und ja, es hat mich manchmal schier zerrissen, sich eingestehen zu müssen, dass mir und meiner Gesundheit auch geliebte Menschen in meinem Umfeld nicht mehr gut tun - dass man sich gegenseitig nicht mehr gut tut, und dann den erforderlichen Schritt zu gehen und loszulassen.

Diese Erkrankung hat mir viel beigebracht

Sie hat mir beigebracht, wie wertvoll das Leben ist. Wie wertvoll jede Minute mit der Familie und Freunden ist. Sie hat mir beigebracht, Verantwortung für mein Leben und meine Gesundheit zu übernehmen und Neues auszuprobieren. Und sie hat mir eins beigebracht: Auch mal kräftig drauf zu scheißen, was die Gesellschaft von mir erwartet oder denkt und meinen eigenen Weg zu gehen.

Was also würde ich tun, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte? Mir sind da so einige Dinge eingefallen, zum Beispiel: in einem Tiny House in der Natur leben, ein Buch schreiben oder eine Coaching-Ausbildung starten. Und so verrückt das klingt: genau diese Dinge werde ich jetzt tun.

Vor einigen Wochen habe ich meine Wohnung gekündigt

Den Großteil meiner Sachen verschenke und verkaufe ich gerade. Und mit jedem Stück fühle ich mich leichter und leichter. Gerade nach meinen minimalistischen Reisen habe ich immer wieder festgestellt, dass nicht nur meine Wohnung zu groß ist und ich den ganzen Platz gar nicht nutze, sondern ich auch Unmengen an Dingen besitze, die ich gar nicht brauche. Die mich sogar belasten, weil man auf sie aufpassen muss oder sich Sorgen macht, dass sie kaputt gehen oder geklaut werden könnten. In wenigen Wochen sind hoffentlich nur noch ein paar Kisten übrig, mit denen ich dann in ein Tiny House mit etwa 18 qm ziehe - erstmal zum Probewohnen und dann möchte ich mit Unterstützung ein eigenes kleines Mini-Häuschen bauen.

Es ist nicht Besitz, der mich glücklich macht

Es sind die Erfahrungen, die ich mache und die Menschen, mit denen ich sie teilen darf. Und genau deshalb möchte ich auch ein Buch schreiben - eine Art ME/CFS-Ratgeber für Betroffene. Am Wochenende starte ich außerdem eine Coaching-Ausbildung in München. Ich möchte Menschen auf ihrem ganz persönlichen Lebensweg hin zu mehr Glück und Gesundheit unterstützen – vor allem auch Dich, wenn Du an ME/CFS erkrankt bist. Das ist Teil meiner Mission. Das ist es, wofür ich brenne und mein Herz schlägt. Das ist es, wofür ich mir jeden Tag ein lautes Keep Going gebe und durch die tiefsten Täler gehe - und wofür ich heute Morgen diesen Song in mein Zahnbürsten-Mikrofon gesungen haben: ;-)

Die Auszeit hat meinem Körper ziemlich gut getan

Nach einer zwischenzeitlichen Verschlechterung gingen meine Symptome nochmal weiter zurück und meine Akku-Leistung rauf: Ende September war ich sechs Kilometer wandern (drei hin, drei zurück, zwischendurch ein kleines Schläfchen auf der Blumenwiese). Und seit etwa drei Monaten baue ich tatsächlich immer mal wieder kurze Jogging-Strecken in meinen abendlichen Spaziergang ein! Den Moment, als ich das erste Mal wieder ein Stück gerannt bin, mit dem Gefühl von Leichtigkeit, ganz ohne Schmerzen oder andere Symptome, werde ich nie vergessen - nach knapp fünf Jahren war das so überwältigend und aufregend, dass ich wie ein kleines Kind auf der Straße rumgehüpft bin und gejubelt habe.

Mir wurde immer wieder nahegelegt, lieber nicht zu sagen, wenn es mir besser geht - wegen Rentenversicherern oder Ämtern. Aber ich möchte einfach ich sein können und sage deshalb auch: Ich fühle mich gesund! Ich fühle mich so gut wie seit Jahren nicht mehr!

Natürlich sind meine Pläne eine große Herausforderung

Natürlich sind da auch Ängste, dass sich mein Zustand wieder verschlechtert. Natürlich fragt sich mein Kopf, ob ich es schaffe, meine gute Akku-Leistung in ein Leben mit Anforderungen und Terminen "mitnehmen" zu können. Ich werde es nur herausfinden, wenn ich es ausprobiere. Für mich gibt es kein zurück mehr, mein Herz sagt vertrauen und weitergehen.

Eines möchte ich Dir nun doch noch mit auf Deinen Weg geben: Egal, an welchem Punkt Du in Deinem Leben gerade stehst - Du kannst die Vergangenheit nicht mehr ändern, dafür aber die Gegenwart. Du kannst JETZT entscheiden, was Du tust, wie Du über Dich und das Leben denkst und Dinge ändern. Und dann gehe weiter. Gehe jeden noch so kleinen und manchmal verdammt schmerzhaften Schritt, auch wenn es zwischenzeitlich rückwärts geht. Denn es sind diese vielen kleinen Schritte, die irgendwann Dein komplettes Leben verändern können und Dich zum Ziel führen.

Keep Going!

Deine Kathi

PS: Ein großes Danke an den lieben Ansgar Nöth für die tollen Fotos.

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Kommentare

  • Kathi vor 7 Monaten

    Ihr Lieben,

    vielen lieben Dank für die vielen Rückmeldungen, die guten Wünsche und lieben Worte. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Die große Anzahl an Kommentaren und Nachrichten ist überwältigend und für uns momentan nicht mehr zu stemmen. Deswegen haben wir uns entschieden, die Kommentarfunktion vorerst zu deaktivieren. Wir arbeiten gerade an neuen Strukturen und Lösungen. Mehr Infos dazu gibt es dann im nächsten Artikel. Jetzt steht bei mir aber erst mal Umzug auf dem Programm und Urlaub zum Erholen. =)

    Ich wünsche Euch eine gute Zeit. Bis bald und viele liebe Grüße
    Kathi