Wieder aufstehen! - In 5 Schritten raus aus dem Crash

30. August 2019

Manchmal kannst Du noch so gut aufpassen: Du wachst morgens auf und Fazilla liegt wieder neben Dir im Bett. Oh Happy Day! Egal, welches Level Du hast: Ein Crash oder eine Verschlechterung ist bei ME/CFS immer eine riesige Herausforderung – körperlich, vor allem aber auch mental. Und ja, auch für mich.

Nach meinem Blogstart gab es bei mir so eine Phase: Ich habe damals so viele tolle Nachrichten bekommen und war total happy, dass mein Herzensprojekt so gut ankommt und hilft. Da habe ich mal kurz meine Grenzen aus den Augen verloren. Vor allem die Emotionen haben mich damals überrollt. Die Quittung: Eine Verschlechterung für zweieinhalb Wochen. Mies. Wie ich da wieder rausgekommen bin? Hier sind meine persönlichen fünf Schritte:

Step 1: Erstmal merken, dass Du im Crash bist

Ja, klingt komisch, das ist aber manchmal echt tricky: We­­­­­­nn der Crash plötzlich auftritt, kannst Du ihn gar nicht "übermerken". Du bist einfach komplett ausgeknockt. Die Verschlechterung kann aber auch schleichend kommen, und dann ­­­­­ist es oft schwierig zu erkennen, dass es bergab geht.

Dabei gibt es oft bestimmte Anzeichen – sozusagen Crash-Vorboten. Natürlich wollte ich die Verschlechterung bei mir so gar nicht sehen. Ich hatte Spaß mit dem Blog und habe mich doch eigentlich auch echt gut gefühlt – eigentlich. ;-) Du kennst das vielleicht auch, dieses Gefühl, dass irgendetwas nicht passt. Aber Du kommst aus der Nummer grad nicht raus. Wenn dieses Gefühl bei Dir aufkommt, kannst Du folgendes tun:

Versuche mal die Perspektive zu wechseln und bobachte Dich von außen! Ich nutze dafür zum Beispiel diese Technik:

Der Kamera-Zoom

Stelle Dir Dein Leben wie einen Film vor: Du bist die Hauptrolle, steckst mittendrin und siehst alles nur aus Deinem eigenen Blickwinkel. Jetzt versuche mal die Sicht des Kameramanns einzunehmen und zoome mit der Kamera heraus. Schau Dir selbst mal von "außen" beim Leben zu. Beobachte Dich und Dein Verhalten - auch anderen Personen gegenüber - und betrachte das große Ganze. Da ist mir in meinem Fall dann schon aufgefallen: Hui, wo hüpft die denn überall rum? Aktuell ganz schön was los bei der Kathi.

Und dann kann es sehr hilfreich sein, auf seine Freunde zu hören. Sie hatten mir damals zum Beispiel gesagt, dass sie sich etwas Sorgen machen. Wollte ich erst gar nichts von wissen. Dann hatte ich mich aber wirklich mal bewusst gefragt, wie es mir gerade geht. Ich habe mir meine Tracker-Daten angeschaut, die eine Akku-Abwärts-Tendenz zeigten. Und in meinem Aktivitätstagebuch tauchten immer mehr Symptome auf. Bingo! Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hab grad echt eine Verschlechterung.

Step 2: Akzeptieren, dass Du im Crash bist

"Ich habe eine Verschlechterung. Ne, echt jetzt? Auf gar keinen Fall!" Gefühlt war ich wie die Königin auf meinem Thron gesessen und hatte gelassen über mein Leben und die Krankheit regiert, hatte Blog- und Reise-Pläne geschmiedet und mich gefreut, dass es gesundheitlich immer weiter bergauf ging. Und während mein Kopf munter Pläne geschmiedet hat und schon zehn Schritte voraus war, habe ich nicht bemerkt, wie mein Körper wie ein ausgelutschter Drops vor dem Thron lag.

Und dann ist das wie eine Falltür, die aufgeht: Einmal vom Dachgeschoss in den Keller – aber bitte in Lichtgeschwindigkeit!

Ich lag da und habe geheult. Fazilla hatte es sich auf meinem Thron gemütlich gemacht und regierte wieder über mich. Ich fühlte mich so elend, klein und minderwertig - und ich hatte Angst, eine Scheißangst. Es gab gerade in der Anfangszeit Tage mit der Erkrankung, da konnte ich mich stundenlang überhaupt nicht mehr bewegen. Ich hatte dabei solche starken Schmerzen und es ging mir so dreckig, dass ich wirklich das Gefühl hatte, ich sterbe – und das kam unter anderem wieder hoch.

Beobachte Deine Gedanken

Was in so einer Situation im Kopf abgeht? "Oh Gott, es geht wieder abwärts. Ich werde wieder mehr Symptome bekommen, es wird wieder schlimmer, ich werde wieder bettlägerig, ich schaffe es doch nicht, vielleicht muss ich sterben" – STOPP!

Wenn Du feststellst, dass sich Dein Bullshit-Gedankenkarussell dreht, dann halte es an. Und dann mache den Realitätscheck: Frage Dich: Stimmt das denn wirklich, was ich da gerade denke?

Ich habe mir damals gedacht: Ok, ich habe gerade eine Verschlechterung, einige Symptome und liege rum. Aber hey, ich kann mich gerade sogar immer noch selbst versorgen. Im Gegensatz zu vor vier Jahren ist das immer noch super gut. Und, ich lebe noch. So schlimm wie ich denke, ist es gerade nicht. Erleichterung. Durchatmen. Die Ruhe kam wieder. Aber sie kam nur kurz, denn dann ging die nächste Falltür auf und Runde zwei startete. Vielleicht kennst Du das auch. Es passiert oft, ohne dass Du es merkst:

Ich habe angefangen, mich selbst schlecht zu machen und gegen mich zu kämpfen.

Das Blabla in meinem Kopf ging wieder los: Wie konnte gerade MIR das passieren? Toll! Erzähle anderen Betroffenen in meinen Artikeln, dass sie ihre Grenzen einhalten sollen, wie Pacing funktioniert und dass man nicht so hart zu sich selbst sein soll. Und was mach ich? Genau das. Bin ich bescheuert? Großartiges Vorbild, Kathi. So ne Scheiße. Ich war doch schon viel weiter. Warum habe ich nicht besser aufgepasst? Die "Zieh-Dich-Runter-Platte" lief wieder in Endlosschleife. Und wieder ein: STOPP! Du siehst, auf was das hinaus läuft:

Stoppe Deine Gedanken

Mache Dir in so einer Situation bewusst, dass Du Dich in Gedanken gerade selbst runterziehst. Und dann unterbrich Deine negativen Gedanken. Ich sage dazu wirklich oft laut: STOPP! Du kannst es Dir auch in Gedanken sagen und Dir dabei ein rotes Stopp-Schild vorstellen. Und dann atme erst einmal ruhig durch und akzeptiere, dass Du Dich gerade im Crash befindest und gegen Dich selbst kämpfst.

Step 3: Vergeben und sich selbst lieben

Ich weiß, Du würdest Fazilla jetz gerne eine reinhauen. Geht mir manchmal auch so. Aber dadurch wird alles nur noch schlimmer. Probiere doch stattdessen mal Folgendes: Umarme Fazilla, gib ihm ein Küsschen und schaue was passiert. Ja ok, es ist vermutlich nicht ganz wie beim Froschkönig. Ein heißer Prinz oder eine Prinzessin kommt wahrscheinlich nicht raus - aber vielleicht eine heiße Omi. ;-) Oh ja, glaube mir, Oma Inge ist in diesem Moment Gold wert.

Verzeihe Dir selbst, dass Du Dich schlecht gemacht hast und versuche Dich anzunehmen, so wie Du gerade bist. Schwach und verheult, total durch. Es darf Dir scheiße gehen. Das ist völlig in Ordnung. Und ja, sich so anzunehmen ist nicht immer leicht. Ich hatte zum Beispiel aus meiner Kindheit lange unbewusst Glaubenssätze in mir – also tief verankerte Überzeugungen - die da lauteten: "Ich muss stark sein" oder "Ich darf nicht weinen".

Ich habe deshalb auch oft die ME/CFS-Symptome und vor allem auch die damit verbundenen negativen Gefühle nicht zugelassen. Ich habe versucht, Trauer, Wut und Frust zu kontrollieren und zu unterdrücken. Nicht gut. Dadurch habe ich meinen Körper natürlich noch mehr gestresst und mich so noch länger im Crash gehalten. Es ist wichtig, die Symptome im Körper bewusst zu spüren und vor allem auch die Emotionen, die hochkommen, bewusst zu fühlen. Ja, das übe ich gerade auch noch. Es ist oft super unangenehm und fühlt sich manchmal wie der Tod selbst an. Aber danach ist es unglaublich erleichternd und dann geht es auch wieder voran.

Frage Dich im Crash: Was tut mir jetzt gerade gut? Was brauche ich?

Meine Antwort damals: Eine diiiicke Umarmung! Es war in diesem Moment niemand da, also habe ich sie mir einfach selbst gegeben. Und es hat gut getan. Was habe ich noch gebraucht? Besseren Schlaf. Deshalb habe ich ein Schlafmittel genommen, um wieder in meinen Rhythmus zu kommen. Und ich habe viel Ruhe und Zeit für mich gebraucht. Ich habe also Verabredungen abgesagt, meine Arbeitszeiten runtergefahren und dafür die Entspannungszeiten rauf - mehr Natur, Meditation, Badewannen-Sessions, Schoko-Eis für die Seele, und ich habe mir eine Massage gegönnt. Runterfahren heißt das Motto, vor allem das Nervensystem.

Lass es Dir so gut gehen wie nur möglich - und das nicht nur im Crash. Du hast es verdient.

Step 4: Loslassen und wieder vertrauen

Lass das was war los. Vor allem Deine Ängste und Gedanken. Halte sie nicht fest und kaue nicht immer wieder die Vergangenheit durch. Es ist vorbei. Du kannst es eh nicht mehr ändern. Also strich drunter und weiter geht's. Lege Deinen Fokus wieder auf andere Dinge und komme wieder im Hier und Jetzt an. Wie das geht mit dem Loslassen? Ich stelle mir meine Ängste oder Gedanken zum Beispiel manchmal als Wolken vor, die halt mal abregnen, dann aber auch wieder weiterziehen. Und dann kommt auch die Sonne wieder raus. Alles geht vorüber – auch die schlimmste Krise.

Habe wieder Vertrauen in Dich und Deinen Körper und dass es bergauf geht. Mache Dir klar, was Du bist jetzt alles geschafft hast. Und ich bin mir sicher, das ist einiges.

Step 5: Dankbar sein und daraus lernen

"In jeder Krise steckt ein Geschenk" – Als ich das zum ersten Mal während eines Crashs gehört hatte, dachte ich nur: "Oooooh bitte, lass einfach stecken!" Es hat mich so angekotzt. Und ja, ein Crash ist beschissen - da brauchen wir nicht drumrum reden. Wenn alles dunkel und mies ist, erkennst Du auch erst mal keine Geschenke oder Chancen. Aber sie sind meistens trotzdem da. Ich bin heute für jede Verschlechterungen dankbar ... gut, wie gesagt, oft erst ein bisschen zeitverzögert. ;-) Aber durch jede Verschlechterung lerne ich aus meinen "Fehlern" und komme anschließend noch besser voran. Damals habe ich zum Beispiel folgende Punkte (wieder) gelernt:

  • Geduld
  • Weinen und schwach sein dürfen
  • Hilfe annehmen
  • Grenzen setzen und abgrenzen

Und ich dachte mir damals: Naja, dann wird mein Crash-Artikel jetzt vielleicht noch authentischer. Ich hoffe, dass ich Dir eine kleine Hilfestellung geben konnte, damit Du aus dem nächsten Tief wieder etwas schneller raus kommst und optimistisch nach vorn gehen kannst. Und falls es Dir heute noch niemand gesagt hat: Du bist gut so wie Du bist!

Keep Going!

Deine Kathi =)

Wie gehst Du mit einem Crash oder einer Verschlechterung um? Was hilft Dir? Und was machst Du, um wieder vorwärts zu gehen? Schreibe gerne etwas in den Kommentaren dazu.

Kaffee spendieren

Hat Dir der Artikel gefallen oder sogar weitergeholfen? Dann hast Du hier die Möglichkeit, mir symbolisch ein koffeinfreies Käffchen zu spendieren, um meine Arbeit zu unterstützen. Ich danke Dir vielmals!
(Oma Inge und ich werden beim gemeinsamen Kaffeeklatsch an Dich denken. 😉)

Kathi ein Käffchen spendieren

Seite teilen

Kommentare

  • Yvette Eube vor 2 Wochen

    Huhu Kati
    Danke für Deine Hinweise
    Du hilfst mir sehr.
    Ich denke immer ich bin auch nur ein Mensch .Nimm's wies grad ist
    L.G. Yvette

    • Kathi vor 2 Wochen

      Genau so ist es, liebe Yvette.
      Alles Liebe
      Kathi

  • Christine Meyer vor 2 Wochen

    DANKE !!!
    Das war ein Kraft-Schub. Danke für Dich, Deine Arbeit, Deinen Mut, Dein Voranschreiten.

    Alleine das "Keep Going" hilft in schweren Zeiten.
    Herzliche Grüße aus Norddeutschland
    Christine

    • Kathi vor 2 Wochen

      Liebe Christine! Mensch schön, das freut mich so sehr. Und ihr gebt mir so viel Power zurück. Vielen lieben Dank! =)
      LG Kathi

  • Stefanie vor 2 Wochen

    Danke Kathi! Ich habe heute gerade einen Podcast von Laura Malina Seiler gehört und dann hier bei Dir im Grunde genau dasselbe gelesen, was sie gesprochen hat. Bei ihr im Podcast geht es um inneren Frieden, hat nichts mit CFS oder sonst einer Erkrankung zu tun, sondern ganz allgemein. Es ging um Akzeptieren, loslassen, vertrauen, Dankbarkeit, inneren Frieden,... Sehr schön fand ich in dem Podcast auch den Satz: "Egal was kommt, es ist immer für Dich" (zum Thema Leben/Urvertrauen).
    Du musst mir dazu nichts antworten. ;-) Wollte Dir einfach nur Danke sagen! Liebe Grüße, Stefanie

    • Kathi vor 2 Wochen

      Liebe Stefanie,
      ein kurzes Danke ist drin. =) Und Laura ist super. Habe von ihr auch schon ein paar Folgen gehört. Ein sehr inspirierender Mensch.
      Viele liebe Grüße
      Kathi

  • Christina vor 2 Wochen

    Hallo liebe Kathi, ich danke dir auch von Herzen für deine Ehrlichkeit, Offenheit und deinen Mut über alles so zu sprechen!Ich bin gerade in genau so einer Phase und von daher kamen deine Zeilen nun im richtigen Moment. Ich empfinde es auch so wie du es beschreibst...Man ist wütend auf sich selbst, und unglaublich traurig über diese fiese Erkrankung, die einen zwingt, ne komplette Auszeit zu nehmen. Aber ich werde versuchen in Zukunft diesen Zustand auch liebevoll als meine "Oma Inge"zu sehen. :) Ich kann mir vorstellen, dass es für dich gar nicht einfach ist, sich jetzt gut abzugrenzen... Da viele Menschen dir jetzt schreiben.
    Ich wünsche dir immer wieder gute "Auftank"Zeiten und "Auflade"Zeiten und wünsche dir das aller Beste. Es ist ein Geschenk , dass du diesen Newsletter schreibst - und trotzdem denke auch an dich und gönn dir deine Pausen. Gottes Segen für dich!

    • Kathi vor 2 Wochen

      Liebe Christina,
      Deine Worte berühren mich sehr. Das ist so so lieb, vielen Dank! Ja, es ist manchmal schon eine Herausforderung mit dem Abgrenzen, aber ich gönne mir auch viele Kathi-Relax-Tage. ;-) Freut mich sehr, dass der Artikel für Dich gerade zur richtigen Zeit kam. Ich wünsche Dir gute Erholung, steigenden Akku-Stand und viele schöne Stunden mit Oma Inge. ;-) Lass es Dir gut gehen und alles Liebe
      Kathi

  • Kerstin vor 4 Tagen

    Liebe Kathi,

    danke, dass du so viel Liebe und Energie in diesen Blog steckst. Es tut so gut zu wissen, dass man nicht allein damit ist und dass es Leute gibt, die einen verstehen können... Und vor allem machst du mit deinen Artikeln so viel Mut! Allein zu wissen, dass es immer wieder bergauf gehen kann, hilft schon ungemein. Auch wenn ich es unglaublich schwer finde, mich nicht dazu hinreißen zu lassen, zuviel zu machen...
    Vielen, vielen Dank!

Kommentar schreiben